Karsten Krug: „Digitalisierungszug fuhr leider ohne reguläre Haltestelle an den Schulen im Kreis Bergstraße vorbei“

Kreis Bergstraße. „Der Kreis hat seine Hausaufgaben bei der Digitalisierung in Schulen nicht vollständig gemacht“, bilanzierte SPD-Landratskandidat Karsten Krug am Ende seines Livestreams zum Thema „Homeschooling“. Die Digitalisierung wurde leider bei uns noch nicht in jeder Schule erfolgreich umgesetzt, kritisierte er. In diesen Statements war sich der Groß-Rohrheimer mit seinen Diskussionsgästen einig.

Es kann nicht sein, monierte Krug, „dass Elternbeiräte zu Spenden von Endgeräten aufrufen, dass Fördervereine IT-Support an Schulen bezahlen und es kein flächendeckendes WLAN gibt“. Der Landratskandidat hat die Sonntagsreden, „wie toll es an unseren Schulen ist“, satt, betonte er: Es muss dringend gehandelt werden. „Das möchte und werde ich als Landrat tun“, kündigte er an.
Für die Gesprächsrunde hatte sich Krug einige Fachleute eingeladen. Mit Prof. Christian Minuth vom Überwald-Gymnasium (ÜWG) in Wald-Michelbach und Christian Grawe von der Martin-Luther-Schule (MLS) in Rimbach berichteten zwei Elternbeiräte aus erster Hand. Die langjährige SPD-Landtagsabgeordnete Karin Hartmann aus Wahlen beschäftigt sich schon lange mit Bildungspolitik.
Lehrer Holger Giebel von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bergstraße kommt täglich mit dem Thema „Homeschooling“ in Berührung. Direkt betroffen vom aktuellen schulischen Lockdown ist Mika Hoffmann, ehem. Schulsprecher am Alten Kurfürstlichen Gymnasium (AKG) Bensheim und stellvertretender Kreisschülersprecher.

Der Landratskandidat machte zu Beginn deutlich, dass es nicht nur um die Schülerinnen und Schüler gehe, sondern auch um die Auswirkungen auf die Familien als solche, um die digitale Ausstattung in den Schulen und zu Hause. Eine Umfrage der Kreisschülervertretung machte im vergangenen Jahr die Defizite deutlich, erläuterte er. „Es verfügen bei weitem nicht alle Schülerinnen und Schüler in ihren Familien über eine angemessene Ausstattung, damit Homeschooling überhaupt stattfinden kann.“
Die soziale Ungleichheit aufgrund von unterschiedlichen Grundvoraussetzungen und digitalen Zugangsmöglichkeiten zu Hause verschärft sich somit, befürchtete Krug. Als künftiger Landrat will er deshalb hier einige Punkte sofort angehen. Dazu gehören unter anderem die flächendeckende WLAN-Versorgung mit Breitbandanbindung in allen Schulen, der Zugang für jeden Schüler und Schülerin zu einem digitalen Endgerät und ein leistungsgerechter IT-Support. „Der Bereich Bildung und Schule verdient die bestmögliche Ausstattung“, machte Krug klar.

Digitalisierung ist nicht nur ein Problem der Hardware, sondern auch der Lehrerausbildung, betonte Christian Minuth. Er wies auf die sozialen Probleme des Homeschoolings hin: Kinder „gehen verloren“, Familien haben mit unter kein WLAN und keine Rechner, Eltern können nicht helfen. Seine dringende Forderung: „Sozialarbeiter an die Schulen.“
Die Lehrer „machen größtenteils einen guten bis sehr guten Job“, lobte Christian Grawe mit Blick auf die MLS. Um flächendeckend alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen, muss in jedem Ortsteil schnelles Internet verfügbar sein, forderte er. Auch hier gibt es noch Verbesserungspotential auf Seiten des Kreises. Er vermisste ein ganzheitliches Konzept des Kultusministeriums, wie mit der aktuellen Situation längerfristig umgegangen werden soll.

Zusätzlich zur geeigneten Hardware für Lehrer brauchen diese auch eine Unterweisung, wie man digital oder auf Distanz unterrichtet, schloss er sich Minuth an. Die Schülerinnen und Schüler wiederum „müssen Regeln beim digitalen Lernen kennen“. Diese könnten durch Eltern vertieft werden, sollten aber vorgegeben und einheitlich sein.
Die Vorsitzende des Kulturpolitischen Ausschusses im Landtag, Karin Hartmann kritisierte, dass das Kultusministerium weder die Sommer-, Herbst- noch Winterferien dafür genutzt hat, ein Konzept für ein verbindliches und effizientes Wechselschulmodell sowie Planungssicherheit zu erarbeiten.

Karin Hartmann ist es wichtig, dass die Chancen gerade für Kinder aus bildungsferneren Elternhäusern verbessert werden. „Leider haben sich deren Chancen coronabedingt weiter verschlechtert“, stellte sie fest. Sie forderte daher vom Kultusministerium ein Konzept, „wie Schule bis zu den Sommerferien bei welchen Inzidenzwerten organisiert wird“. Das Wechselmodell muss dabei ein wichtiger Bestandteil sein.
Holger Giebel legte den Finger in die Wunde: „Es reicht nicht aus, die Schulen mit Hard- und Software zu versorgen, sondern es müssen auch die entsprechende Infrastruktur und passende pädagogische Konzeptionen bereitstehen“, betonte er im Einklang mit den anderen Gesprächspartnern. Außerdem müssten Lehrkräfte für die digitale Welt geschult sein.
Bildlich gesprochen, so Giebel, möchte die Bildungspolitik so gern in der digitalen Champions League spielen, „hat dabei aber das Wesentliche vergessen: die Mannschaften“. Die Lockdown-Situation „ist für einige Schüler eine Katastrophe“, weiß er. Planungssicherheit und Verlässlichkeit fehlen, ist der GEW-Vertreter auf einer Linie mit Hartmann. Er bemängelte das dauerhafte Fahren auf Sicht und das Ändern der Strategie von einer Woche auf die nächste.
Mika Hoffmann sieht deutlich das vorhandene Digitalisierungspotential im Kreis Bergstraße. Seinen Worten zufolge gebe es im Detail aber große Unterschiede zwischen den einzelnen Schulen und individuelle Probleme, die angegangen werden müssen. „Wir müssen darauf achten, dass weder durch die aktuelle Situation noch bei der Digitalisierung allgemein jemand zurückgelassen wird“, so seine Meinung.

Einig waren sie alle Beteiligten darin, dass auch jenseits vereinzelter Leuchtturmprojekte jede Schule, jeder Schüler und jede Schülerin eine zukunftsfähige Digitalausstattung erhalten muss. Die Corona-Zeit darf keine verlorene Zeit sein, nur weil es an der zeitgemäßen Technik fehle, fasste Krug das Gesprächsergebnis nochmals zusammen.