„Der Kreis Bergstraße ist leider immer noch verkehrspolitisches Entwicklungsland“

Viele Übereinstimmungen mit Vertretern des Fahrgastverbandes Pro Bahn konnte die SPD-Fraktion im Kreistag Bergstraße bei einem gemeinsamen Fachgespräch feststellen. Der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Kreistagsfraktion, Sven Wingerter, konnte dazu Dr. Gottlob Gienger, den Vorsitzenden des Regionalverbandes Starkenburg von Pro Bahn sowie Peter Castellanos, von Pro Bahn benanntes stv. Mitglied in der Verkehrskommission des Kreises Bergstraße, begrüßen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder einen fruchtbaren Interessensaustausch zwischen der SPD und dem Fahrgastverband – eine Tradition, die Wingerter gerne im Rahmen eines Arbeitskreises Verkehr weiter intensivieren möchte. „Der Kreis Bergstraße ist leider immer noch verkehrspolitisches Entwicklungsland“, so Wingerter.
Im Vordergrund stand die gemeinsame Feststellung, dass ein gutes Mobilitätsangebot zentraler Bestandteil der öffentlichen Daseinsvorsorge sei. Viele Orte im Odenwald, aber teilweise auch in anderen Teilen des Kreises Bergstraße litten unter schlechten Verkehrsanbindungen und einem dünnen oder nicht vorhandenen Angebot an öffentlichem Personennahverkehr (ÖPNV). Zudem seien die Verkehrsangebote vom Kreis Bergstraße in benachbarte Landkreise, erst recht im Übergang vom Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) zum Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) oft nicht ausreichend. Der Kreis Bergstraße mit seiner verbindenden Schlüsselstellung zwischen den beiden wirtschaftsstarken Metropolregionen brauche jedoch ein durchgehend leistungsstarkes, attraktives und flächendeckendes Mobilitätsangebot – auch in vermeintlich kleineren Orten.
Dazu gehöre die Umsetzung des Prinzips „Kreis Bergstraße im Halbstundentakt“, so dass verlässlich alle halbe Stunde ein Bus oder eine Bahn komme. Vorhandene Fahrplanlücken müssten diesbezüglich konsequent beseitigt werden. „Der aktuelle Nahverkehrsplan der schwarz-grünen Koalition im Kreis Bergstraße sieht eine Grundversorgung von lediglich 15 Fahrten pro Woche als öffentliche Daseinsvorsorge vor. Das ist völlig inakzeptabel“, kritisiert Wingerter. Dort, wo sich der Halbstundentakt aus wirtschaftlichen Gründen nicht sinnvoll realisieren lasse, will die SPD in Absprache mit den Städten und Gemeinden ein flexibles Angebot wie den Anruf- oder Flexibus einführen, um die gleichen Qualitäts- und Angebotsstandards wie bei einem normalen Linienbetrieb nach Fahrplan bei geringeren Kosten sicherzustellen, erklärte Wingerter weiter.
Im Bahnverkehr bestünden trotz bereits heute hoher Verkehrsnachfrage und entsprechend überfüllter Züge auch weiterhin Angebotslücken im Übergang zum RMV. Dies gelte sowohl für die Main-Neckar-Bahn zwischen Bensheim und Frankfurt als auch für die Riedbahn zwischen Biblis und Frankfurt. Diese müssten so geschlossen werden, dass zwischen den beiden Metropolregionen der Halbstundentakt durchgängig realisiert sei und Bergsträßer Fahrgäste gleichermaßen mit schnellen Verbindungen nach Norden wie Süden reisen können.
Notwendigkeit einer eigenständigen lokalen Nahverkehrsgesellschaft
Dreh- und Angelpunkt für einen besseren ÖPNV ist sowohl aus Sicht der SPD-Kreistagsfraktion als auch von Pro Bahn die Gründung einer eigenständigen und vom Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) unabhängigen, lokalen Nahverkehrsgesellschaft. „Jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt in Hessen hat eine solche Gesellschaft, nur die schwarz-grünen Koalitionäre im Kreis Bergstraße meinen, der VRN könne das für uns mitmachen und trotz zahlreicher Interessenskonflikte unsere Ziele verfolgen“, betonte Wingerter und verwies auf die kürzlich erfolgte Ablehnung eines entsprechenden SPD-Antrags im Fachausschuss des Kreistages. Die Konsequenzen davon seien für die Fahrgäste deutlich sichtbar: sei es durch ein schlechteres Angebot, eine miserable Kundennähe, deutlich ausbaufähigen Mobilitätsberatungsangeboten oder eben wie geschildert auch beim Zugverkehr.
„Wir brauchen dauerhaft mehr Einfluss auf die Gestaltung unseres eigenen Angebotes und müssen sicherstellen, dass die Interessen des Kreises Bergstraße und seiner 22 Städte und Gemeinden optimal vertreten werden“, erläuterte Wingerter die Forderung, die von Pro Bahn bereits seit vielen Jahren erhoben wird. „Es geht darum, die Organisation und Planung unseres Nahverkehrs näher an die Menschen zu bringen und mit einer eigenen Nahverkehrsgesellschaft zu gewährleisten, dass unser Angebot auch wirklich unseren Anforderungen auf bestmögliche Weise entspricht“.
Notwendig sei in diesem Zusammenhang auch die Einrichtung eines Nahverkehrs- bzw. Fahrgastbeirates. Hier könnten Anregungen, Ideen und Wünsche der Fahrgäste direkt vorgebracht, diskutiert und in den Planungen berücksichtigt werden. In einem Städte- und Gemeindebeirat seien zudem die Interessen und Belange aller Kommunen im Kreis sicherzustellen.