Gras von der Rolle

Gras von der Rolle

Kummer-kümmert-sich-Tour: Landratskandidat besucht das Unternehmen MET Extrusion in Absteinach – Weltmarktführer für Kunstrasen

ABTSTEINACH. „Keiner vermutet einen solchen Weltmarktführer im Odenwälder Teil der Bergstraße“, sagte Landratskandidat Gerald Kummer (SPD), als er auf seiner Kummer-kümmert-sich-Tour beim Unternehmen MET Extrusion in Absteinach von Jürgen Morton-Finger durch die Produktions-Hallen geführt wird. Das Wort Extrusion sagt dem Laien nichts, Kunstrasen schon. Hier, umgeben von grünen Wiesen im ländlichen Raum, wächst das Gras, auf dem in aller Welt Fußball gespielt wird.

Extrusion ist – im Gegensatz zum Spritzguss – ein Verfahren, bei dem Kunststoffschmelze kontinuierlich aus einer Düse austritt und in einer Kühlstrecke seine Form erhält. Die bei der Firma Morton Extrusionstechnik in Abtsteinach eingesetzten Anlagen zur Faserherstellung sind bis zu 70 Meter lang und kosten bis zu vier Millionen Euro. Davon sind 13 im Einsatz, eine vierzehnte wird gerade aufgebaut. Bis zu 180 Einzelfäden produziert eine Anlage. Sie werden im Bündel zu jeweils sechs bis acht Fäden zusammengefasst. Bis zu 5000 Meter dieses Fadenbündels werden auf einer Spule aufgewickelt. Für einen Kunstrasenplatz werden im nächsten Produktionsprozess, dem Tuften, 2000 solcher Spulen verarbeitet. Zusammen werden rund 80 Millionen Fasern für ein einziges Fußballfeld gebraucht. Die Firma MET liefert pro Jahr für weltweit rund 1500 Sportfelder die Fasern und ist damit Weltmarktführer für Kunstrasenfelder. Der Exportanteil betrage 90 Prozent, sagt Morton.

„Kunstrasenplätze stehen denen aus natürlichem Gras in nichts nach, sind pflegeleicht, verbrauchen weder Dünger noch Wasser und halten 15 Jahre, bevor sie erneuert werden müssen“, erklärt Jürgen Morton gegenüber Kummer die Vorzüge des Produkts und kommt damit gleich auf ein Thema, das dem Unternehmen zu schaffen macht. Was passiert nach 15 Jahren mit alten Fußballfeldern? Einzig sinnvolle Lösung sei es, aus alten wieder neue Felder zu machen. Dieses Recycling sei als Gesamtprozess zu betrachten und müsse umweltfreundlich sein. Derzeit werden die alten Kunststoffrasen Systeme aus Deutschland zum Teil nach Portugal transportiert, aufgearbeitet und wieder zurückgebracht. Es wäre doch viel sinnvoller, die alten Felder zentral in Deutschland zu rezyklieren, wo das Material auch wieder verarbeitet werden könne. Die Technik dafür habe Morton bereits entwickelt, müsste allerdings den Standort entsprechend erweitern. Auf dem Firmengelände wäre genügend Fläche vorhanden. Durch die Erweiterung kämen zu den 220 Arbeitsplätzen weitere 50 bis 100 dazu. Allerdings fürchtet Morton Widerstand in der Anwohner, die schon jetzt über den Lkw-Verkehr und Lärmbelastung klagen.

Bisher habe die Einwohnerschaft von Abtsteinach jede Erweiterung mitgetragen, bestätigt Gemeindevertreter Willy Schneider (SPD), der Gerald Kummer zum Unternehmen am Ortsrand von Abtsteinach begleitet. Doch nun rege sich Widerstand im Überwald. Ursache: Geräuschemissionen, die man trotz aufwendiger Lärmschutzmaßnahmen nicht ganz unterdrücken könne. „ Ich kann verstehen, wenn sich Leute wehren. Denn viele sind in den Odenwald gezogen, um ihre Ruhe zu haben. Wir sind der Eindringling“, äußert der Firmenchef Verständnis. Der durch die Maschinen erzeugte Lärm in den Hallen wird zwar gedämpft, aber dennoch als sirrendes, gleichbleibendes Grundgeräusch im Ort wahrgenommen. Ein weiteres Problem ist die verkehrstechnische Anbindung. Die Situation würde sich sicherlich verbessern, wenn der Überwald endlich an die B38a angebunden würde. „Wir werden nur dann erweitern, wenn die im Konsens mit den Betroffenen Anwohnern möglich ist“, führt Morton aus. Speziell für den Lärmschutz hat das Unternehmen mehr als 300000 Euro aufgewendet. Weitere Lärmschutzmaßnahmen würden gerade gemeinsam mit der Gemeinde und einem unabhängigen Berater erarbeitet.

Der Politiker Gerald Kummer und der Manager Jürgen Morton sind sich einig, dass der ländliche Raum international operierende Firmen wie MET in Abtsteinach, der Windkraft-Profi ESM in Rimbach, Jöst Abrasives oder Santex in Wald-Michelbach dringend braucht. Denn mit Tourismus und Gastronomie allein biete der Überwald den Menschen nicht genügend Beschäftigungsmöglichkeiten. Wanderten die Arbeitsplätze ab, müssten noch mehr Arbeitnehmer aus dem Odenwald hinunter an die Bergstraße fahren. Die Region drohe auszubluten. „Wir holen im Jahr rund 1000 Gäste hierher, bräuchten dringend ein modernes, nicht zu weit entferntes Hotel. Veranstaltungen mit mehr als 50 Gästen bekommen wir hier nicht gestemmt“, beklagt Morton fehlende Kapazitäten. Wem es im Odenwald gefalle, komme wieder.

Noch ein Schmankerl am Rande: 2009 hat Morton eine neue Faser für den Leichtbau von Sportfahrzeugen entwickelt. Man habe die Lösung zuerst einem deutschen Formel 1 Team angeboten, das jedoch dankend abgelehnt habe. „Mehr Interesse hatte das damalige Brawn GP Team in Großbritannien, das sofort das Potenzial der Faser ernannte, sie für das Cockpit ihres Formel 1 Boliden einsetzte“, erzählt Morton. Ende 2009 habe das Team zur Überraschung der gesamten Motorwelt die Meisterschaft gewonnen. Technologie aus Abtsteinach habe einen erheblichen Beitrag zum Erfolg beigesteuert.

„Wir fühlen uns in Abtsteinach wohl“, bekennt der Geschäftsmann, der sich nach dem Studium an der Hochschule in Darmstadt 1988 gemeinsam mit seiner Frau Cornelia Morton-Finger selbstständig gemacht hat und 2000 hierher kam. Warum ausgerechnet nach Abtsteinach? Er habe damals viele Anfragen an die umliegenden Gemeinden versendet und allerorten nachgefragt, ob er mit seinem damals noch jungen und kleinen Unternehmen kommen dürfe. Morton: „Bürgermeister Rolf Reinhard war der einzige, der sich gemeldet hat.“